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Rezension  ·  09. März 2025

Sprawl

Mal wieder etwas Kurzes, Knackiges sollte zwischendrin wieder her, dachte ich mir, als ich mich zuvor an etlichen Open World-Monstern vertan hatte. Irgendwas aus dem Universum straighter, klassischer Shooter, dachte ich. Da wirkt die Genrebeschreibung „Boomershooter“ natürlich verlockend, das klingt so nach Nostalgie, Spieltempo für Arthritis-Geplagte, Spielzeit von anno dazumal, als wir noch dachten, zehn Stunden wären schon Zeitfresser sondergleichen gewesen.

 

Ich hatte bis dato noch keine Vorstellung davon, was „Boomershooter“ konkret bedeuten sollte. Man hört nur grob davon und lässt sich alleine vom Etikett leiten, alte Spielmechaniken wieder zu entdecken, wie es einst „Half-Life“ oder „Doom“ gang und gäbe gewesen war. Deswegen hatte ich letztens auch zugeschlagen, als „Sprawl“ für ein paar Öcken kaufbar war – wenn´s nichts ist, ärgert man sich weit weniger darüber, Geld hingeblättert zu haben.

 

Nun sind die Vorschusslorbeeren auch wenig aussagekräftig, weil in der Spielerschaft der Retrofaktor sehr oft zu einem Punktebonus führt. Auch „Sprawl“ fällt in diese Kategorie, ist aber weiß Gott kein Titel aus dem RPG-Maker mit Knuffelsprites aus Gameboy-Zeiten. Ab und zu glänzt aus dem beabsichtigten Pixellook doch die ein oder andere hübsche Texturtapete hervor, und so manch Technisches leuchtet modern vor sich hin. Vor allem Lichtschranken und -wände mussten dann doch modernen Standards entsprechen, so kann man sich auch eine klotzige, China-artige Megacity schöngucken (Unreal Engine 4 sei Dank). China-artig, weil die Anleihen bei „Ghost in the shell“ für ein Cyberpunk-Setting natürlich nicht fehlen dürfen. Okay, der Anime ist jetzt japanisch, aber was soll´s. Ich bin nicht so bewandert in asiatischer Kalligrafie.

 

Es ist sowieso egal, wohin das Spiel lokalisiert wurde. Das Setting ist gesetzt, die Spielanleihen sowieso, und neben dem klassischen Geshootere hat man sich noch einen ordentlichen Anteil „Mirrors Edge“ abgeguckt. Das heißt: Viel Gelaufe und Gespringe, und dazu noch das Pacing amtlicher MP-Shooter á la neues „Doom“ und „Unreal Tournament“. Also doch nicht so retro wie gedacht, weil ich alternder Ballerknacker so ganz allmählich reaktionssenil werde und das Game doch eher für die Nerds jüngerer Tage gemacht wurde, wo der Parkour-Trend seit „Mirrors Edge“ auch in Games zum Gimmick wurde. Jetzt wollte ich nicht den Danny Glover machen und mich mit „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ herausreden, sondern dem jungen Gemüse noch was vormachen.

 

Nun, etwas eingerostet war ich schon. Es dauerte ein paar Spielstunden, bis ich den Flitzebogen raus hatte. „Sprawl“ spielt sich flott wie Hölle, und schon früh musste ich mich auf fair gesetzte Checkpoints verlassen, um die nächsten Räume entsprechend vom Gegnerunrat zu säubern. Man wird auch selten mit Munition vollgeschmissen, sondern darf/muss sich auch mal ballertaktisch versuchen. Das heißt etwa, den Versuch zu wagen, die explosiven Rucksackpacks der Gegner zu erwischen – Pech für das minder kluge Kanonenfutter, wenn die sich zu Gegnertrauben zusammenrotten, blind auf uns einballern, wir aber die Backpacks ins Visier nehmen und bei Erfolg ein kleines Feuerwerk zünden.

 

Klingt bei dem Spieltempo fast unmöglich, mögen Sie sich fragen? Naaa, nicht ganz, denn hat unsere implantatsgepimpte Heldenfigur auch die Möglichkeit der Zeitlupenfunktion. Alles wird extrem verlangsamt, zusätzlich werden Schwachstellen der Gegner farblich hervorgehoben. Ironischerweise heißt die Superfunktion „Adrenalin“ - kleiner Gag am Rande, was? Die Zeitleiste füllt man sich derweilen mit Gegnerabschüssen via blaues Sanduhrsymbol wieder auf und kann ständig so weitermachen; ist also kein Spielzusatz, den man sich aufwändig von der Hand absparen müsste.

 

Das hilft ungemein, ist aber auch kein Garant für übermächtiges Schießbudengeballer. Die Balance ist auf hohem Niveau gehalten und sicher kein Zuckerschlecken, aber nie wirklich unfair. Ich hatte nie das Gefühl, dass mir das Game zu übelst schwer würde, trotz Tempo und Gegnerwellen, die wahrlich gerne mal vom Himmel fallen. Dazu ein paar knackige Endgegner, eben doch ganz Boomer-like, aber modernisiert und quasi mit V8-Motor hochgeschraubt. Da kann man die Bierdeckel-Story um die böse Polizeistaatsarmee auch gerne ignorieren, weil es hauptsächlich um stylishes Geballer geht, die auch noch mit einem ziemlich geilen (jo, nennen Sie mich altmodisch mit solchen Begriffen) Soundtrack viel Druck erzeugt. Ich mag das vielleicht nicht so locker von der Hand mehr spielen wie das junge Gemüse, aber ich denke, ich habe mich bis zum Schluss, als alter Knacker, wacker geschlagen.

 

 

Wertung: 8,5 von 10

 

Bildquelle: Screenshot

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